19.5.2024 - VanLife in Italien

Zeit für ein kleines Resümee ?

6 Wochen Italien, hin und her von Ost nach West, von ganz oben bis ganz unten und wieder zurück. Nein eigentlich waren es nur 5 Wochen, da ich ja die erste Woche in Meduno war. Also in 5 Wochen bin ich bis runter nach Sizilien um das ich einmal komplett rumgefahren bin, habe den Fuß umrundet und unglaublich viel gesehen. 

Ich habe auf Campingplätzen und bei Agriturismos gestanden, an Klippen und in Dünen, auf Wanderparkplätzen im Nichts sowie auf Parkplätzen in Städten. Das Freistehen habe ich schätzen gelernt, dieses Gefühl von Freiheit einfach da zu stehen wo es schön ist. Und ich habe eine Menge netter Leute kennengelernt, mit den ich schöne Gespräche geführt habe. 

Park4Night ist mir eine unersetzliche App geworden, mit der ich fast immer einen guten Platz gefunden habe. Ich bin abenteuerliche Strecken gefahren, auf kleinsten Strassen, auf Sand und Schotter. Und La Vida hat alles fantastisch mitgemacht, nichts ist kaputt gegangen und mein Ausbau funktioniert perfekt. Ich bin völlig autark, genauso wie ich es geplant hatte. 


Italien, ein Land der Gegensätze, wie natürlich jedes Land 😛

Unglaubliche Kulturschätze, die uns die Griechen und Römer (und der Vesuv) hinterlassen haben, wilde Berge, die den Rücken Italiens bilden (der Appenin). Aufregende Städte mit bunter Kultur, tollen Märkten und immer wieder leckerem Essen. Und dann diese oft so großartigen Centro Stoico, diese kleinen Gassen in den oft auf Hügeln stehenden Kleinstädten oder Dörfern mit ihren Domen und Kathedralen. 

Aber auch die kaputten Straßen, den Müll der überall rumliegt und das Verkehrschaos (das finde ich tatsächlich irgendwie witzig und bin voll drauf eingestiegen, muß in Deutschland sicher wieder etwas "umlernen" 😂). 

Ich habe die Toskana in dieser Postkartenidylle gesehen, großartige Steilküsten, endlose Oliven- oder Orangenhaine und ich bin sicher über tausend Schlaglöchern ausgewichen (und sicher in hundert "reingefallen").

Und grad jetzt, nach Tagen an der Ligurischen Riviera, der Fülle und dem Massentourismus sehne ich mich nach Süditalien zurück. Nach dieser Leere, nach der Wildheit.

Die Menschen sind überall freundlich, sie genießen das Leben, das berühmte Dolce Vita, auch wenn sie oft wenig besitzen. Gerade in Süditalien liegt die Arbeitslosenquote bei 17% und damit 10% höher als der italienische Durchschnitt. 






Und das Leben im Van ?

Ihr seht mich am Horizont verschwinden um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden*


Vanlife, ja, das hat schon was. Dieses Gefühl einfach mehr oder weniger hinfahren und anhalten zu können wo mal will, die Flexibilität die ein voller Wassertank und ein gut gefüllter Kühlschrank geben, die Solaranlage, die mehr oder weniger unbegrenzt Strom erzeugt. Diese Unabhängigkeit, die mir La Vida gibt, ist großartig.

Und dann diese Highlights, wenn man morgens die Hecktür aufmacht und aus dem Bett in die Sonne und aufs Meer schaut. Das ist unglaublich schön, eigentlich schon kitschig. Und dann Yoga am Strand oder an den Klippen im Sonnenaufgang, das hat etwas magisches. 


Manchmal bin in lange gefahren, manchmal nur 150km, nur selten Autobahn. Ich habe mir ab und zu 2 Nächte gegönnt um auch mal ein wenig Pause zu haben oder Zeit für längere Besichtigungen, wie zum Beispiel Palermo, den Vesuv oder die Cinque Terre.

Ich habe mich immer wohl und sicher gefühlt, keine unangenehmen Situationen erlebt, ausser wenn mich Google mal wieder in irgendeine Sackgasse geführt hat, aus der der Weg raus mit einem 6 Meter langen und 2,10 breiten Auto anstrengend war.


All das habe ich ausführlich mit vielen hunderten Fotos dokumentiert und in diesem Blog niedergeschrieben. Warum ? Ich habe 10 Jahre lang nichts geblogged, jetzt erst angefangen den Camino von letztem Jahr niederzuschreiben, aber 10 Jahre lang nichts. 

10 Jahre, in denen ich wohl zu beschäftigt war um zu schreiben, in denen ich aber auch jemanden hatte, mit dem ich meine Erfahrungen teilen konnte. Das kann ich nun seit etwas mehr als 2 Jahren nicht mehr. Vielleicht habe ich deswegen so viele Statusupdates geposted und diesen Blog wieder reaktiviert. So hatte ich zumindest virtuelle Teilnehmer an meinen Erlebnissen. 


Es geht mir gut, nur selten macht mir das Alleinsein etwas aus, aber ich hätte gerne ab und zu jemanden bei mir gehabt, der das Gleiche sieht, der meine Eindrücke teilt und mit dem ich mich austauschen kann.


Conclusio: Habe ich mich selbst gefunden ? Nein, sicher nicht (genauso wenig wie letztes Jahr auf dem Camino).
Ich habe mich wieder ein Stück besser kennengelernt, aber manchmal habe ich mir auch eingestanden, das das Ganze immer auch eine Flucht vor mir selbst ist. Dieses Unstete, die latente Unzufriedenheit, immer weiter, nie wirklich irgendwo ankommen und mit dem zufrieden sein, was man hat oder wo man ist. 

Ein Ego das immer noch beleidigt ist und nicht akzeptieren will, was vor 2 Jahren (genau genommen schon viele Monate davor) passiert ist und dass vor allem nicht akzeptiert, dass es mir jetzt eigentlich viel besser geht. Aber so ein Ego mag halt keine Veränderung und hat Angst vom bewussten Denken übertönt zu werden.

Dass Rationalisieren versucht mit unterschwelligen Kräften Schritt zu halten, die ich nur vermuten kann. 

Die Suche nach dem Sinn hinter allem, kritische aber selten nachhaltige Selbstreflexion und mein Hang zu depressiven Stimmungen. 

Dieses große, bestimmende Muster meinen Lebens, das hat immer noch Bestand und manchmal erzeugt es eine Leere, die ich viel zu oft mit den falschen Dingen zu füllen versuche. 

Aber vielleicht ist das ja am Ende auch eine kreative Triebkraft, die eine Menge guter Resultate erzeugt, wenn sie auch in den ganz großen Themen des Lebens für Chaos gesorgt hat. 


Jetzt bleibt mir noch eine Woche in Frankreich um bis in die Auvergne zu kommen, dort werde ich noch eine Woche Fliegen, worauf ich mich schon sehr freue.


Ab 3. Juni bin ich wieder zurück im Arbeitsleben, zurück im HomeOffice. Ein paar Aufgaben habe ich bei La Vida noch, einige Dinge waren ja noch nicht fertig und einige Optimierungen sind mir eingefallen. 

Und dann ?
Viel Zeit, ein ruhiger Job, den ich wohl noch 5 Jahre machen werde. Und die Aufgabe ein Thema zu identifizieren, das mich aus der teils gähnenden Langeweile meines Jobs befreit, das mir den berühmten Purpose gibt. Und vielleicht sogar doch irgendwann eine neue Partnerin ?


Grade lese ich eine wunderbare Fußnote in Robert M. Sapolsky‘s überragendem Buch ‚Gewalt und Mitgefühl‘

„Bei den antihierarchischen Buddhisten gibt es einen Text, den Vinayapitaka, der die Mönche anweist, nicht in der Reihenfolge ihres Alters den Stuhlgang zu erledigen, sondern in der Reihenfolge ihres Eintreffens auf der Toilette. Es gibt noch Hoffnung für diesen Planeten“

😄




*Copyright: Thomas D





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